Reiner Bernstein

"Judensau”- Ikonographien
zur Gestalt der mittelalterlichen Demütigung mit aktuellen Folgen

Teil 6:

Bilderstürmerei?

Der Leitgedanke der "Judensau“ steht nicht allein, sondern ist Teil der Geschichte antijüdischer Aktionen und abstoßender Ressentiments, die zumindest unterschwellig bis heute fortwirken. Wie die Antipathien weist das Motiv trotz seiner unterschiedlichen Typologien große thematisch-historische Kontinuität aus, ohne dass das Ensemble aus Infamie und Mordlust in seiner detaillierten Präsentation hinreichend der Reflexion unterzogen und aus ihren Ergebnissen angemessene Konsequenzen gezogen werden. Die Reliefs auf das Bedürfnis des christlichen Spotts gegen die Juden zu reduzieren, kommt der Verharmlosung der perversen Schmähungen gleich; es geht nicht weniger als um die religiöse Dämonisierung und die soziale Ausgrenzung, die in rasende Mordprogramme umschlugen. "Ohne die nahezu 2000 Jahre christlicher Judenfeindschaft ist Auschwitz nicht möglich gewesen“, bekannte der Wiener Kardinal Franz König.

Müssen die amtlichen Sachwalter kirchlicher und kommunaler Zeugnisse jenseits ihrer professionellen Ausbildung mehr Geschichte und Theologie lernen? Wie anders denn als ein Defizit wäre es - hilflose Gutwilligkeit unterstellt - zu verstehen, dass nach der Aufdeckung von "Judensau“-Ikonographien Forderungen nach öffentlicher Diskussion, wenn nicht auf Distanzierung, so auf große Zurückhaltung oder gar Widerstände trifft? Es scheint, dass sich das Bemühen von amtlich berufenen Hierarchien wiederholt, an die Stelle eines befreienden Bekenntnisses zu Schuld und Versagen von Kirche und Staat die scheinbar verblichene Verantwortung einzelner Baumeister, Künstler, Archivare und Politiker zu setzen und ihr Handeln dem ominösen, sich ständig zum Guten wandelnden Zeitgeist zuzuschreiben. So lautet eine Kompromissformulierung für die 2005 angebrachte Hinweistafel in Regensburg missverständlich: "Die Skulptur als steinernes Zeugnis einer vergangenen Epoche muss im Zusammenhang mit ihrer Zeit gesehen werden. Sie ist in ihrem antijüdischen Aussagegehalt für den heutigen Betrachter befremdlich.“ Statt dessen könnte sich der künftige Umgang mit den Bildnissen, Wandfriesen, Säulenkapitellen und Schnitzwerken an der Erklärung der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg aus dem Jahr 1990 orientieren, in der die "antijüdischen Einstellungen“ anerkannt werden und die Empfehlung abgegeben wird, die "Betrachter durch Hinweise (auch in Form von Tafeln) auf die Schuld und Betroffenheit der Kirche aufmerksam“ zu machen und sie "zu neuer Sicht“ anzuleiten. Die Tafel (2005) an der Bayreuther Stadtkirche trägt die Inschrift: "Unkenntlich geworden ist das Zeugnis des Judenhasses an diesem Pfeiler. Für immer vergangen sei alle Feindseligkeit gegen das Judentum.“


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