Reiner Bernstein

"Judensau”- Ikonographien
zur Gestalt der mittelalterlichen Demütigung mit aktuellen Folgen

Teil 6:

Im Fastnachtspiel "Das Spiel vom Herzog von Burgund“, in dem die Juden die Ankunft des Messias ankündigen, rät der siebte Ritter seinem Herren: "Ich sage, dass man vor allem die allergrößte Schweinsmutter bringe. Darunter schmiegen sie sich all, ein jeder saugt an der Zitze mit Schall. Der Messias liegt unter dem Schwanz! Was aus ihr fällt, dass soll er ganz zusammen in ein Säckchen binden und dann dasselbe in einemmal verschlingen.“ Der Ratschlag des Ritters wird befolgt: "Hier legen sich die Juden unter die Sau und der Messias unter den Schwanz.“ Die Hofnarren machen sich über die bestraften Juden lustig: "Ihr müsst ein wenig Geduld haben, und ein jeder von euch soll davon essen, wenn sie euch allen ins Maul scheißt.“

Lange vor ihrer Nutzung, die im 15. Jahrhundert zu den juristischen Instrumentarien gegen widerwillige Schuldner und flüchtige Verbrecher eingesetzt wurden, zeichneten sich die notorischen Schandbilder durch ihre vulgäre Obszönität aus, wie Isaiah Shachar ausgeführt hat: "Die Juden gehören zu der Sau, und die Sau gehört zu den Juden. Mit anderen Worten: Diese Menschen gehören zu einer anderen und verächtlichen Sorte von Lebewesen; sie sind die Nachkommen der Sau und kehren zu ihrer Mutter zurück, um sich von ihr gebührend ernähren zu lassen.“ Wie Prostituierte und Gauner auf einer Stute, einer Kuh oder einer Hündin waren sie zur Strafe verdammt, rittlings auf einer Sau zu reiten. Auf einer Marionette eines sächsischen Wandertheaters erblickte das Publikum auf der einen Seite ein jüdischer Händler, auf der anderen ein Schwein. Um den "jüdischen Charakter“ der Gefräßigkeit ("Finanzjuden“) zu komplettieren, zeigte eine Postkarte um 1900 drei orthodoxe Juden mit Schweinsköpfen. In einer früheren Karikatur wurde ein Jude mit Schweinsohren aus einem Hamburger Kaffeehaus geworfen. Andere Erzählungen glaubten von einem "odor judaicus“ - dem "Judengestank“ - berichten zu müssen. So wies ein Pamphletist des frühen 19. Jahrhunderts den Juden drei Abstammungsmerkmale zu: die Beschneidung der Männer, die "ächtjüdische Gesinnung“ und den "jüdischen Geruch“: "Freilich haben manche Ärzte und Naturforscher behaupten wollen, der spezifische Geruch von Abrahams Samen komme von dem häufigen und unmäßigen Genuss der Zwiebeln, des Knoblauchs und ähnlicher Dinge her. Ich glaube aber der heiligen Schrift, und bin also überzeugt, dass er die einzige Folge der bei allen ächten Juden üblichen widernatürlichen Befriedigungsarten des Geschlechtstriebs und der daher entspringenden Krankheiten sei.“

Schließlich fand in der antisemitischen Literatur eine populäre Paraphrase ihren Niederschlag, mit der die Gültigkeit einer Konversion zum Christentum zurückgewiesen wird: "Die Religion ist einerlei, in der Rasse liegt die Schweinerei.“ Die Wiederaufnahme des "verlorenen Sohnes“, der zur Strafe zum Schweinehüten geschickt wurde (Luk. 15,11 ff.), durch den liebenden Vater war, weil die Ablehnung Jesu als der offenbarte Christus kollektiv fortlebte, endgültig verspielt. Wenige Jahrzehnte später stellten die Völkischen und die Nazis ihre antisemitischen Aktionen unter das Stichwort des Kampfes gegen die "Saujuden“ und "Judenschweine“. Zwei Jahre vor der Ermordung des deutschen Außenministers hieß es 1922 in einem Lied: "Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau.“ Nach den "Nürnberger Gesetzen“ wurden Frauen mit dem umgehängten Pappschild auf die Straße getrieben: "Ich bin am Ort das größte Schwein und lass mich nur mit Juden ein.“ Gegen die Macht des Verblendung blieben zeitgleiche Aussagen des jüdischen Stolzes, "mit dem deutschen Volkskörper“ verwachsen zu sein, chancenlos. Kurz nach der Öffnung der Berliner Mauer wurde das Grab des (protestantischen) Bertolt Brecht in der Berliner Chausseestraße mit der Parole "Sau-Jude“ beschmiert. Drei Jahr später, zu "Führers Geburtstag“, warfen Neonazis eine Schweinekopfhälfte in die Erfurter Synagoge. Im Oktober 1998 wurde ein Ferkel mit einem Davidstern und dem Namen von Ignatz Bubis über den Alexanderplatz in Berlin getrieben.

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