Reiner Bernstein

"Judensau”- Ikonographien
zur Gestalt der mittelalterlichen Demütigung mit aktuellen Folgen

Teil 2:

Die "Judensau“ als Teil der christlichen Ikonographie seit dem Mittelalter

Wurde am Straßburger Münster um 1230 die Frauenfigur der "Synagoga“ als hoheitsvolle, wenn auch glücklose Verliererin gegen die "Ecclesia“ in Stein gehauen, so ritt zwei Jahrhunderte später im Erfurter Dom die Kirche auf einem Pferd, die Synagoge auf einem Schwein. Schon vorher war das blasphemische Motiv der "Judensau“ in der Architektur des deutschsprachigen Raums - und nur hier - in Kirchen, an öffentlichen Gebäuden und Plätzen, an Stadttoren und -mauern sowie an Privathäusern aufgetaucht, und zwar erstmals im 14. Jahrhundert in Köln (Dom) und Remagen (Torbogen). Es folgten Brandenburg an der Havel um 1230, Lemgo (Marienkirche, Ost-Westfalen), Xanten (Dom), Eberswalde, Bad Wimpfen (Stiftskirche, zwischen Mainz und Heilbronn), Magdeburg, Heiligenstadt, Metz, Bayreuth, Regensburg, Uppsala, Gnesen (Gniezno in Polen), Colmar, Wittenberg, Freising, Pressburg (Bratislava), Basel, Zerbst (Sachsen-Anhalt), Heilsbronn (südlich von Nürnberg), Frankfurt am Main, Nürnberg (St. Sebald), Salzburg (Rathaus), Cadolzburg (bei Fürth), Aschersleben (Sachsen-Anhalt), Spalt (südlich von Nürnberg), Wiener Neustadt (heute Stadtmuseum Wien), Kelheim (bei Regensburg) und das flämische Aerschot (nordöstlich von Brüssel). Später fand die Illustration Eingang in populäre Gebrauchsartikel wie karikierende Postkarten, bösartige Karikaturen und Flugblätter sowie in unhistorische Erzählungen wie jener, dass eine Sau am Bethlehem-Tor - dem heutigen Jaffa-Tor - in Jerusalem die Juden vom Betreten der Stadt fernhalten solle, oder in die Legende, wonach Christus eine jüdische Mutter mit ihren Kindern in Schweine verwandelt habe. Produzenten von Bildnissen und Förderern der Volksfrömmigkeit schien in pathologischer Manier jedes Mittel recht zu sein, die Juden in allgegenwärtig schlechtestem Licht zu präsentieren, sie herabzusetzen und zu verhöhnen.

Formen dieses Kampfbildes, auf denen die Juden durch die ihnen zugewiesene typische Kleidung (gelber Ring am Ärmel und spitzer "Judenhut“) erkennbar waren, standen vor den Augen der Öffentlichkeit nicht isoliert da. Vielmehr lassen sich im gesamten europäischen Raum judenfeindliche Darstellungen und Anordnungen mannigfaltiger Art nachweisen, die auf die Ächtung sozialer und religiöser Minderheiten zielten. Aber keine konnte sich derart eindeutig auf das Neue Testament wie die Texte über Juden berufen, die durch die als anrüchig wahrgenommene Ubiquität jüdischen Lebens im Abendland pejorativ verstärkt wurden. Im 2. Petrusbrief 2,22 ist nachzulesen: "Bei ihnen [den Abtrünnigen] ist eingetroffen, was das wahre Sprichwort sagt: ›Der Hund wendet sich zum eigenen Auswurf zurück‹ und ›Ein Schwein, kaum gebadet, wälzt sich wieder im Kot‹“, und Jesus wies in der Bergpredigt seine Zuhörer an, "eure Perlen nicht vor die Schweine zu werfen. Sonst zertreten sie diese mit ihren Füßen und machen dann kehrt und zerreißen euch“ (Matth. 7,6). Schon in den frühesten Zeiten des Christentums, hat Wilfried Schouwink resümiert, sei der literarische Boden für die Vorstellung einer bizarren Form geistiger Verwandtschaft zwischen Jude und Schwein bereitet worden, und beide seien bereits im Neuen Testament mit dem Teufel in Verbindung gebracht worden. Die Identifizierung des Schweins mit der Sünde, "für Menschen mit unreiner Denkungsart und auch Häretiker“ war - wie in der Enzyklopädie "Vom Wesen der Natur“ des Hrabanus Maurus (780 - 856) aus dem Umfeld Karls des Großen - Allgemeingut, obwohl sich der gelehrte Mönch eines schwerwiegenden Übersetzungsfehlers aus der Septuaginta bewusst war. In seinen antijüdischen Predigten hatte sich schon der heilig gesprochene Johannes Chrysostomos (350 - 407) des Schweinemotivs bedient. Der Teufel musste wohl seine Hand im Spiel haben, dass sich die Juden dem Anschluss an das siegreiche Christentum verweigerten. "Ich bezweifle in der Tat“, schrieb Petrus Venerabilis (sic!), einer der bedeutendsten Äbte von Cluny, im 12. Jahrhundert, "ob der Jude ein menschliches Wesen sein kann, denn er ist weder durch Begründungen aus der menschlichen Vernunft zu überzeugen, noch gibt er sich mit den Worten anerkannter Autoritäten [der Hebräischen Bibel] zufrieden.“

Die Synode von Elvira (in der Nähe von Granada) im Jahr 306 verbot gemeinsame Mahlzeiten von Christen und Juden sowie die Ehe und den Geschlechtsverkehr zwischen ihnen und bewehrte den Umgang mit der Strafe der Exkommunikation - sechzehnhundert Jahre später wurde in die "Nürnberger Gesetze“ der Paragraph über die "Rassenschande“ eingefügt. Juden mussten gemäß dem "Sachsenspiegel“ des 13. Jahrhunderts bei Eidesleistung bisweilen auf der blutigen Haut einer Sau stehen, die innerhalb der letzten zwei Wochen geferkelt hatte. Parallele Embleme mit Ferkeln an den Zitzen der Mutter saugend, sind auch aus englischen Kirchen und Kathedralen des 13. und 14. Jahrhunderts bekannt und griffen auf lateinische Texte zurück, so auf Horaz’ "Der Schlamm ist den Schweinen lieb“. Die auf der Iberischen Halbinsel in den Jahren 1391 (Spanien) und 1497 (Portugal) zwangsweise getauften Juden wurden mit dem Namen "Schwein“ (span. "Marrano“, port. "Marrão“) belegt, der sie der volkstümlichen Verachtung und Verfolgung preisgab, nachdem christliche Theologen den Boden bereitet hatten, und sie während der Inquisition seit 1491 (Spanien) und Portugal (1536) zur Auswanderung zwang, so in die Niederlande (Amsterdam und Antwerpen), nach Hamburg, nach Marokko, nach Italien (Rom, Ancona, Ferrara, Venedig, Pisa), nach Frankreich (Toulouse, Lyons, Montpellier, La Rochelle, Nantes, Rouen, Bayonne), in das Osmanische Reich von Sultan Bayazid II. (1481 - 1512) oder gar nach Lateinamerika.


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