Reiner Bernstein

"Judensau”- Ikonographien
zur Gestalt der mittelalterlichen Demütigung mit aktuellen Folgen

Teil 3:

Als allegorisches Stereotyp waren die Figur und das Bildnis des Schweins nicht die einzige antijüdische Manifestation, andere Skulpturen und Schnitzwerke diffamierten die Juden als Brunnenvergifter, Hostienschänder und als Ritualmörder christlicher Kinder, deren Blut zum Backen ungesäuerten Brotes ("Matze“) aus Anlass des Pessachfestes - der Erinnerung an den Auszug der Kinder Israels aus Ägypten ins Niemandsland der Sinai-Wüste - benutzt werde. So fand Jahrhunderte lang eine Woche nach Fronleichnam eine sogenannte Anderl-Prozession in Rinn (nördlicher Teil Südtirols) statt. 1619/20 wurde die Legende von dem Tiroler Arzt Hippolyt Guarinoni im adligen Damenstift von Hall aufgeschrieben, zwei Jahrhunderte später genehmigte der Vatikan einen Kult um das Kind, das in die Reihe der christlichen Märtyrer aufgenommen wurde. Noch 1954 verteidigte der Landesbischof das "Anderl-Spiel“ mit den Worten, "dass es immerhin die Juden waren, die unseren Herrn Jesus Christus gekreuzigt haben. Weil sie also zu der NS-Zeit zu Unrecht verfolgt wurden, können sie sich jetzt nicht plötzlich gerieren, als ob sie in der Geschichte überhaupt nie ein Unrecht getan hätten.“ 1961 wurde die Prozession durch den Vatikan abgeschafft, 1985 untersagte der Bischof von Trient die Wallfahrt - seither findet sie ohne klerikale Begleitung statt.

Die Prozession um den zweieinhalbjährigen Anderl berief sich auf den 12. Juli 1462, als der Junge vermisst wurde und sogleich sich die Mär verbreitete, "von grausamen Leuten aus Hass gegen Jesus Christus geschlachtet" worden zu sein, so lautete die Inschrift auf dem Grabstein im Rinner Ortsteil Judenstein. Im "Messbuch für die Eigenmessen der Diözese Brixen" wurde als Gebet festgehalten:

"Gott, aus Verachtung gegen dich haben gottlose Juden den unschuldigen Knaben und Märtyrer Andreas grausamste Leiden erdulden lassen: Gib, dass deine Gläubigen, die auf Erden sein Andenken in frommer Verehrung feiern, im Himmel die Frucht deines Leidens zu erlangen verdienen. Gott, du Wiederhersteller der Unschuld, um deines Namens willen ist der unschuldige selige Andreas von treulosen Juden unter grausamsten Todesqualen hingemordet worden. Lass uns, wir bitten dich, durch seine Verdienste, unberührt von den Befleckungen dieses Lebens, ins himmlische Vaterland gelangen." Die bäuerlich-barocken Deckenfresken in der Kirche zeigten höhnisch grinsende, finstere Gesellen, die das strampelnde blonde Anderl an Fußsohle und Backe zur Ablenkung kraulen, während ihm ein wilder bärtiger Mann das Messer an den Hals setzt und ein anderer das spritzende Blut in einem Kelch auffängt. Verse um das Wandgemälde am Alten Brückenturm aus dem siebzehnten Jahrhundert in Frankfurt am Main mit einer "Judensau“-Szene legten dem auf einer Sau reitenden Rabbi Shilo - der Name weist auf das Kommen des Messias hin - und seiner Freundin oder Dienerin Sara nahe, aus der Stadt ins Heilige Land zu fliehen, wenn sie der Wiederholung des Schicksals der Juden in Südtirol entgehen wollten. Die Sau am Alten Brückenturm wird von der einen Person gemolken, der anderen speit sie ihre Exkremente in den Mund, die damit ihr Bedürfnis nach Völlerei (lat. "gula“) und Wollust (lat. "luxuria“) stillt.



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