Pressespiegel:

taz 19.11.2005 Sauerei im Dom

Sauerei im Dom

Zwei Künstler fordern Distanzierung der Kirche von einem antisemitischen Holzrelief im Kölner Dom sowie von zwei Hakenkreuzen an der Außenfassade. Die Dombaumeisterin hält das für absurd

AUS KÖLN SUSANNE GANNOTT

An den Spitzhüten erkennt man sie als Juden: Der linke Mann hält die Sau, der rechte füttert sie, der dritte in der Mitte saugt an ihren Zitzen. Das antisemitische Holzrelief, die so genannte Judensau, ist Teil des Chorgestühls im Kölner Dom und rund 700 Jahre alt. Noch heute erregt das Hetzbild die Gemüter: Die beiden Münchner Künstler Wolfram P. Kastner und Günter Wangerin fordern die Anbringung eines Hinweisschildes, mit dem sich die Kirche "von dem hetzerischen Gehalt des Saureliefs distanziert". Um dem Nachdruck zu verleihen, brachten sie gestern vor dem Hauptportal des Doms eine Bodenplakette an.

Überschrift: "Alle Christen lügen".

Mit der Kunstaktion "möchte ich sichtbar machen, was man nicht sehen will", sagt Kastner. Das seit dem Mittelalter verbreitete Motiv von der "Judensau", das noch heute in 19 deutschen Kirchen zu finden sei, "ist Ausdruck einer extremen Judenfeindschaft, deren Folge viele Pogrome und schließlich die Verbreitung eines Antisemitismus waren, der im Auschwitzsystem und in der Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis gipfelte". Das Domkapitel solle daher in der Nähe des "Schandmals" eine Tafel anbringen, die sich kritisch mit dessen Geschichte auseinander setzt.

Ein zweites Zeichen aus jüngerer Zeit müsse dagegen ganz entfernt werden, fordern die Künstler: Die beiden Hakenkreuze, die an der äußeren Dachgalerie des Chors in etwa 50 Meter Höhe in zwei "Schlusssteine" gemeißelt sind, seien nun wirklich keine schützenswerten "Kunstwerke".

Bei Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner beißen Kastner und Wangerin allerdings auf Granit. Schon im Sommer 2002, als Kastner das erste Mal den Umgang mit der Kölner "Judensau" skandalisierte, hatte die Dombaumeisterin erklärt, eine Hinweistafel komme nicht in Frage. Das bekräftigte sie gestern wieder: "Der Dom ist ein Gotteshaus und soll nicht durch Texttafeln musealisiert werden." Außerdem sei das Chorgestühl mit dem inkriminierten Relief der Öffentlichkeit aus Denkmalschutzgründen nicht zugänglich. Eine Tafel in Nähe der "Judensau" werde daher ebenso wenig zu sehen sein. "Schon deshalb ist die Forderung absurd." Und die Hakenkreuze? "Die sind für uns Symbole dafür, dass selbst Institutionen wie die damals staatliche Dombauhütte gleichgeschaltet wurden und gehören damit zur Geschichte unseres Doms."

Zudem wehrt sich Schock-Werner auch gegen den Vorwurf, die Kirche würde den antisemitischen Teil ihrer Geschichte geheim halten. In Führungen werde "bei entsprechendem Interesse" sowohl auf die antijüdischen wie die projüdischen Monumente im Dom hingewiesen. "Aber auch am Judenprivileg haben wir keinen Hinweis angebracht." Das 1266 nach Ausschreitungen gegen die Kölner Juden gewährte Privileg wurde als steinerne Veröffentlichung im Dom aufgestellt. Das "Judenprivileg" gewährte Schutz vor willkürlichen Abgaben und vor Konkurrenz beim Geldverleih und gab den Juden das Recht zur ungehinderten Bestattung ihrer Toten.

Für Kastner ist das Erklärschild zur "Judensau" jedoch keine Frage der historischen Dekonstruktion und Musealisierung des Doms. Er fordert das Schild als gesellschaftlich notwendiges Bekenntnis der Kirche: "Das ist gerade in Zeiten eines erstarkenden Antisemitismus wichtig." Weil der neue Papst bei seinem Besuch der Kölner Synagogengemeinde im August ebenfalls zur Wachsamkeit gegen Judenfeindlichkeit gemahnt hatte, hat Kastner sich in Sachen Kölner "Judensau" auch an ihn gewandt. Sein Brief an Benedikt XVI. sei bislang allerdings unbeantwortet, bedauert der Künstler. Andernorts waren er und sein Partner erfolgreicher, erzählt Kastner: In Regensburg sei nach ihrer Intervention eine Tafel angebracht worden. In Lemgo und Wittenberg habe es ähnliches schon vor ihrem "Besuch" gegeben. In den meisten deutschen Städten, durch die Kastner in den letzten vier Jahren getourt ist, wie etwa Xanten, wollte man allerdings nichts von den "Judensäuen" wissen.

taz NRW Nr. 7824 vom 19.11.2005, Seite 4, 133 TAZ-Bericht SUSANNE GANNOTT