Brief an den Papst

Institut für Kunst
und Forschung

V00120 Città del Vaticano
Palazzo apostolico
Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI

Antijüdische Schmähskulpturen in Deutschland

Eure Heiligkeit,

wir wählen den ungewöhnlichen Weg einer Kontaktaufnahme mit Ihnen, weil Sie in Deutschland aufgewachsen sind und hier an maßgeblicher Stelle die kirchliche Lehre vertraten, vor allem deren theologische Grundsätze. Als Kirchenlehrer haben Sie Ihre ganze Autorität eingesetzt und auf viele Menschen eingewirkt, für die das Wort des Vorsitzenden des Kardinalskollegiums einen sehr hohen Stellenwert hat. Umso mehr, so dürfen wir annehmen, haben Sie heute großen Einfluss auf alle Menschen katholischen Glaubens, vor allem aber auf Bischöfe, Priester und Kirchenvorstände.

Damit sind wir bei unserem Anliegen: der Kommentierung antijüdischer Schandskulpturen (so genannte „Judensau“) an katholischen und evangelischen Kirchen. Dass es in Deutschland viele solcher Bildwerke gibt, ist Ihnen sicher bekannt. Uns ist sogar die Neuinstallierung einer solchen Skulptur als Ersatz für eine stark beschädigte bekannt geworden (Bad Wimpfen 1994).

Seit mehreren Jahren treten wir dafür ein, dass in unmittelbarer Nähe dieser steinernen oder hölzernen Bildwerke Tafeln mit einem deutlich distanzierenden Text angebracht werden.

Im Gespräch mit Kirchenverantwortlichen stellten wir fest, dass sich auf unsere Initiative hin zwar etwas bewegte (z.B. in Regensburg und Erfurt), eine solche Kommentierung aber durchaus nicht selbstverständlich ist und dass es offenbar sehr schwer fällt, die richtigen Worte zu finden.

Dies in dem Land, das Auschwitz zu verantworten hat.

Insgesamt ist der Umgang mit den heute noch existierenden „Judensau“-Skulpturen von großer Unsicherheit und Widersprüchen gekennzeichnet. Am Regensburger Dom wurde eine Tafel angebracht, die uns typisch erscheint für eine gewisse Neigung zur Historisierung, zum Vermeiden einer Wertung. Von der Schuld der Kirchen und der für sie daraus erwachsenden Pflicht, gegen Ausgrenzung und Verfolgung Andersgläubiger und Andersdenkender alles in ihrer Macht Stehende zu tun, ist darauf kein Wort zu finden.

Im Fall des Doms von Erfurt hat man auf einem Faltblatt zwar eindeutig und in klarer Form Stellung bezogen, der Besucher der Kirche bekommt den Text aber erst auf Nachfrage.

(Auf ähnliche Tendenzen in der evangelischen Kirche möchten wir hier nicht eingehen).

Wie denken Sie darüber, Eure Heiligkeit?

Wäre es angesichts eines sich ausbreitenden Antisemitismus nicht notwendig, eindeutig und unmissverständlich öffentlich Stellung zu beziehen zu Judenfeindschaft, Ausgrenzung und insbesondere Antisemitismus? Und wäre demnach die Anbringung kommentierender Tafeln in der Nähe antijüdischer Bildwerke nicht eine Konsequenz aus dem päpstlichen Bekenntnis zur Schuld der Kirche gegenüber den verfolgten und ermordeten Juden?

Ein klares Wort von Ihnen in dieser Angelegenheit wäre sicher vielen eine große Hilfe und würde manche Unsicherheit zu überwinden helfen. Gerade im Hinblick auf die von Ihnen gewünschte Verbesserung der Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und den Juden könnte ein solcher Schritt ein deutliches Zeichen sein.

Wir weisen darauf hin, dass beim Zentralrat der Juden in Deutschland „großer Handlungsbedarf“ gesehen wird und dass wir beim Koordinierungskreis der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit viel Zustimmung und Unterstützung für das Anliegen fanden. Außerdem wird das Projekt aus Mitteln der Bundeskulturstiftung gefördert. Wir planen, noch in diesem Jahr eine Dokumentation über den heutigen Umgang mit diesen erhaltenen Zeugnissen des Judenhasses herauszugeben. Darin sollen auch Stellungnahmen von kompetenten Personen und Gremien der Kirchen abgedruckt werden.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie Zeit fänden, uns zu antworten.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfram P. Kastner Günter Wangerin