Pressespiegel: Süddeutsche Zeitung

Vorläufiges Ende einer historischen Schweinerei

Die "Judensau" an der fränkischen Cadolzburg erhält nun doch eine erläuternde Hinweistafel – gegen den Willen der meisten Lokalpolitiker.
(....)
Die Anordnung Faltlhausers ist der späte Erfolg eines Happenings. Im Sommer 2003 wurde das Münchner "Institut für Kunst und Forschung" in Cadolzburg aktiv. Wolfram P. Kastner und Günter Wangerin verteilten vor dem Burgtor Informationsblätter, brachten ein Transparent an und sprühten "Judensau" auf das Kopfsteinpflaster. Ähnliche Aktionen fanden in Heilbronn, Nürnberg und Köln statt. Doch in Cadolzburg war die Ablehnung besonders massiv: Als "Trittbrettfahrer", "Selbstdarsteller" und "Hampelmänner" wurden die beiden beschimpft. Ermutigt von der ministeriellen Entscheidung, wollen Wangerin und Kastner jetzt in Regensburg mit ihren Interventionen fortfahren.

Eine Vielzahl von Verleumdungen enthält das schlimme Motiv: Juden werden intimer Handlungen mit einem Tier bezichtigt, das ihnen als unrein gilt. Ihre Religion wird in die Nähe der "Sauerei" gerückt und erhält den Makel des Unvernünftigen, ja Perversen. Die Nationalsozialisten wussten solche Argumentationshilfen zu schätzen und führten Schulklassen zu den Skulpturen. Der Zentralrat der Juden hält eine Kommentierung für "dringend notwendig".

Die Frage nach der richtigen Beschriftung wird noch für manchen Streit sorgen: In welchen Worten erklärt man das Ungeheuerliche, ohne sich am Abnormen zu berauschen? Wie distanziert man sich von einem winzigen Teilbereich der Kirche, ohne nicht zugleich für diese "Besonderheit" zu werben? Denkbar immerhin ist, dass die neuen Tafeln auch altbekannte, ungebetene Gäste anlocken werden.

ALEXANDER KISSLER

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 8. Januar 2004, Feuilleton, Seite 11