Pressespiegel: Fürther Nachrichten

Info-Tafel erläutert das Schmäh-Relief

Finanzminister Kurt Faltlhauser reagierte damit auf Protestaktion auf der Cadolzburg

CADOLZBURG - Die Mitarbeiter des Münchner Institutes für Kunst und Forschung hatten mit ihrer Protestaktion Erfolg: In Kürze wird neben dem "Judensau-Relief“ an der Cadolzburg eine Tafel angebracht, in der die Bedeutung der mittelalterlichen Schmähskulptur erläutert wird.

Der bayerische Finanzminister und oberste Chef der Schlösserverwaltung im Freistaat reagierte damit auf eine Forderung, die die beiden Institutsmitarbeiter Wolfram Kastner und Günter Wangerin bei einer Protestkundgebung Ende Juli vergangenen Jahres erhoben hatten. Begleitet von teilweise heftigen Wortwechseln mit örtlichen Politikern und Passanten hatten sie darauf hingewiesen, dass an der Cadolzburg völlig unkommentiert die größte so genannte "Judensau“ in Deutschland angebracht ist.

Das aus der Entstehungszeit der Hohenzollernburg stammende Relief - gefertigt möglicherweise zwischen 1380 und 1480 und angebracht an der Vorburg, an der im Mittelalter Markt abgehalten wurde - zeigt Juden, die an den Zitzen einer Sau saugen und den After küssen.

In einem Schreiben an die beiden Mitarbeiter des Institutes für Kunst und Forschung betonte Faltlhauser, im Konzept für das Deutsche Burgenmuseum, das nach dem Wiederaufbau der Cadolzburg hier einziehen soll, sei auch eine Erläuterung des Reliefs geplant gewesen. Da man aber nicht absehen könne, wann mit der Eröffnung des Museums gerechnet werden kann, habe er veranlasst, "dass von der Schlösserverwaltung sofort eine Informationstafel bei dem Relief angebracht wird“.

Seit Jahren schon machen die beiden Institutsmitarbeiter auf die gegen die Juden gerichteten Spottdarstellungen aus dem Mittelalter aufmerksam. Rund 25 derartige Reliefs gibt es derzeit noch in Deutschland. Sie finden sich nicht nur an Burgen, sondern vor allem auch an Kirchen, darunter am Kölner und am Regensburger Dom, im Spalter Chorherrenstift, an der Stadtkirche von Bayreuth und an der Sebalduskirche in Nürnberg.

Die Protestaktion im Sommer war in Cadolzburg bei der Gemeindeverwaltung durchaus auf Verständnis gestoßen. Sowohl Bürgermeister Bernd Obst als auch die Kulturbeauftragte des Marktes, Ines Kloke, fanden es durchaus legitim, auf das antijüdische Spottbild hinzuweisen und eine öffentliche Distanzierung zu fordern. Nicht passend fanden beide indes den gewählten Zeitpunkt: ein gut besuchter Konzertabend. Der Bürgermeister holte deshalb auch die Polizei, um die "Demonstration aktenkundig zu machen“. Auf eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs oder Sachbeschädigung wurde freilich verzichtet.

Die erläuternde Tafel, die jetzt auf Anordnung von Faltlhauser angebracht ist, ist durchaus auch im Sinne des Zentralrates der Deutschen Juden mit Sitz in Berlin. "Eine Kommentierung der antijudaistischen Skulpturen ist dringend notwendig“, so Kulturreferentin Adina Stern in einem Brief.

GERHARD LAUCHS

Quelle: FÜRTHER NACHRICHTEN vom 8. Januar 2004